Gott, die Welt und ich

Die Luft war das Meine und ich war die Luft. Sie umströmte meine Flügel mit einer wallenden Intensität, wie sie nur ihrem einzigen Kind gebühren konnte. Mit jedem Deut, den ich schneller wurde, zeichnete sie meine Konturen stärker, als wollte sie sagen: "Sieh, das bist du!" Ich wurde süchtig nach Geschwindigkeit, drehte Ehrenrunden und vollführte meine Kunststücke.

Da holte mich ein Blitz vom Himmel. Kaum wußte ich, wir mir geschah – da war es schon geschehen. Es war nur ein Augenblick – ein einziger Augenblick, in dem ich sah, dass ich keine Flügel hatte. Nein, ich war nicht der Luft einziges Kind. War nicht ihr befiederter Sproß, der sie durchschnitt wie ein Schwert das Fleisch. Stattdessen war ich nichts. Nichts als eine Laune, ein Hauch im Wind. In dieser Enttäuschung starb ich. Und in dieser Enttäuschung wurde ich geboren. Es war der Blitz, der mich vom Himmel holte.

Ich wurde in den Schoß von Mutter Erde geboren. Widerwillig, ja. Doch zunächst war ich allein. Es war schön. Ich war frei und konnte mich langsam umsehen. Fast wähnte ich mich zu hoher Luft. Hatte ich all dies nur geträumt? Da sah ich nach unten und erkannte Füße, Beine, einen Rumpf, Arme und Hände. Dieser Anblick kam mir befremdlich vor. Wo sind meine Flügel geblieben? Da kam ein Priester meines Wegs.

"Schön, dass ich dich treffe. Du fragst dich bestimmt, wo deine Flügel geblieben sind. Auch ich hatte einmal Flügel. Aber sieh! Die Hände sind den Flügeln am nächsten. Sie sind das Wichtigste – wenn du sie ausbildest, kannst du eines Tages wieder fliegen."

Da wurde ich von Freude ergriffen. Ja, er hatte Recht! Die Hände waren den Flügeln am nächsten. Der Priester fuhr fort: "Und sieh weiter! Die Beine, sie tragen dich irgendwohin. Du weißt niemals, wohin! Sie sind gefährlich. Komm, mein Sohn, ich amputiere dir die Beine, damit sie dich niemals in die Irre führen." Da amputierte er die Beine.

Es tat nicht weh, denn es waren nicht meine Beine. Ich dankte dem Priester für seine Dienste und ging weiter meines Wegs. Es dauerte nicht lang, bis mir ein Politiker entgegenkam. Er empfing mich mit den Worten: "Schön, dass ich dich treffe. Wie ich sehe, hat man dir die Beine abgenommen. Wie willst du nun vorwärtskommen? Gut, dass ich dir helfen kann. Ich habe einen Freund, den Arzt. Er wird dir den Rumpf herausoperieren. Der Rumpf ist unnütz, da er zwischen den Händen steht. Du musst nur fleißig arbeiten, dann wirst du vorwärtskommen. Dazu brauchst du die Hände – sie können die Beine ersetzen!"

Da machte sich abermals Freude in mir breit. Ja, er hatte Recht! Nur meine Hände brauchte ich, um vorwärtszukommen. Der Politiker gab mir ein Empfehlungsschreiben für den Arzt, zusammen mit einem Scheck. So ging ich zum Arzt und ließ mir den Rumpf herausoperieren. Dieses Mal tat es ein bißchen weh, doch der Arzt verordnete mir einen Saft, der die Schmerzen wegmachte.

Vor der Tür des Arztes warteten meine Betreuer auf mich. Ihnen stand ein seliges Lächeln im Gesicht. Sie freuten sich, mich zu sehen und begrüßten mich mit den Worten: "Hallo Sohn, schön, dass du da bist. Wir werden deine Wunden umsorgen und alles tun, dass sich keine Geschwüre bilden. Wir lieben dich." Mit fröhlichen Liedern begleiteten sie mich nach Hause. Nun hatte ich nur noch Hände und einen Kopf, was mich jedoch nicht störte. Schließlich tat es nur ein bißchen weh. Ich fühlte mich fast wie zu hoher Luft und war glücklich.

Doch das bißchen Weh wurde immer stärker. Es suchte mich die Vorstellung heim, ich hätte meine Flügel nie verloren und nachts träumte ich davon, fliegen zu können. Allmählich machten sich meine Betreuer Sorgen und begleiteten mich zum Arzt. Dieser erklärte, ich hätte Phantomschmerzen und gab mir einen Saft mit auf den Weg, der meine Betreuer beruhigen sollte.

Schließlich wurde auch der Priester auf mich aufmerksam und sagte: "Mein Sohn, wir alle haben ab und an das Gefühl, Flügel zu haben. Doch das stimmt nicht. Alles, was wir tun können, ist, wie wild mit den Händen zu flattern und hoffen, dass wir zur rechten Zeit abheben. Alles andere liegt in der Hand des obersten Schaumschlägers, dessen Stellvertreter auf Erden ich bin. Aber achte stets darauf, die Hände nur bis zur halben Höhe auf- und abzubewegen, niemals bis zur ganzen!"

Als meine Not immer größer wurde, durfte ich Bekanntschaft mit dem Seelenarzt machen. Dieser meinte, ich würde falsch mit den Händen flattern. Ich solle sie eine zeitlang nur noch nach oben bewegen und nicht mehr nach unten, um Kraft der Naturgestze mehr auf den Boden gedrückt zu werden. Alternativ könne ich aber auch Pillen schlucken, die meine Betreuer beruhigen würden.

Den Politiker hingegen traf ich nie wieder persönlich. Ich sah ihn immer nur von Weitem. Er musste einer der erfolgreichsten Schaumschläger sein, da er stets Schaum vor dem Mund hatte. Da ging ich zu meinen Betreuern und sagte: "Es scheint, als würde der Politiker sehr erfolgreich seine Hände als Flügel einsetzen, so wie es mir der Priester erklärt hat. Ich will auch so abheben wie er. Ich werde Politiker."

Da schlug ich eine Politikerlaufbahn ein und wurde berühmt. Das gefiel meinen Betreuern sehr, da sie selbst nicht so gut mit den Händen flattern konnten wie ich. Ich schlug viel Schaum und konnte ihnen etwas davon abgeben.

Als ich am Gipfel meines Ruhms angekommen war, prangerte mich der Priester öffentlich an: "Seht euch den Frevler an, den Ketzer! Er vergeht sich am obersten Schaumschläger! Statt die Händer nur bis zur halben Höhe auf- und abzubewegen, wie ich es ihm beigebracht hatte, bewegt er sie stets ganz auf und ab!" Und der Politiker empörte sich gleichermaßen: "Er bricht das Gesetz! Es gibt keine zwei Politiker, es kann nur einen geben!"

Da fiel ich in ein tiefes Loch. Und in dem Loch traf ich eine Frau. Es war die erste in meinem Leben.