Bodenschätze

Das Kind öffnete die Tür und heraus trat gleißendes weißes Licht, das sogleich ihren Blick trübte.

"Schau, was ich hier alles habe," sagte das Kind und hüpfte aufgeregt umher.

Es hüpfte aufgeregt umher inmitten all dieser Kostbarkeiten, deren Anzahl unermeßlich war. Sie jedoch rieb sich die Augen und konnte nichts weiter wahrnehmen als einige goldgelbe Schimmer. Schon bemerkte das Kind ihr Zögern, woraufhin es näher an sie herantrat.

"Komm doch herein!" flehte das Kind, während es die Widerwillige an der Hand zog.

"Ich weiß nicht, ich kann noch nicht einmal viel sehen!" beharrte sie auf ihrem Standpunkt.

Sie blieb weiterhin im Türstock stehen und war nicht sonderlich gewillt, noch länger zu verweilen. Geschwind brachte das Kind einige besondere Schmuck­stücke herbei.

"Sieh! Dieser Kelch aus purem Gold, verziert mit strahlenden Edelsteinen! Oder hier, diese Kette aus reinem Gold, bestückt mit glänzenden Perlen!"

Nichts davon konnte ihr Erstaunen erwecken, zumal sie noch immer nicht klaren Blickes war. Das Kind konnte nicht recht verstehen und holte eilends das größte Pracht­stück herbei. Es handelte sich um ein goldenes Schwert mit turmalin­besetztem Knauf, von solch anmutiger Erscheinung, dass selbst des Königs edelste Ritter daran zweifelten, seiner wert zu sein.

"Es vermag das Alte zu zerstören, um dem Neuen den Boden zu bereiten," sprach das Kind mit eindringlicher Mine.

"Was willst Du mit all diesen Dingen?" empörte sie sich und fuhr ungehalten fort. "Aus einem leeren Kelch kannst du nicht trinken, Perlen kannst du nicht essen und mit einem Schwert kannst du nicht den Acker bestellen! Ich weiß beim besten Willen nicht, wozu all dies zu gebrauchen sein sollte!"

Sie wandte sich entschlossen ab und ging fort. Hastig verriegelte das Kind die Tür, setzte sich in eine Ecke und weinte bitterlich. Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen und wenn es recht überlegte, musste sie Recht gehabt haben. Das Kind hatte nichts zu trinken, nichts zu essen und keinen Acker zu bestellen. Schließlich öffnete es die Tür, ging hinaus und zog die Tür wieder hinter sich zu.

Sie jedoch tat zunächst, als bemerkte sie das herankommende Kind nicht. Nach einer Weile begann sie absichtsvoll zu sprechen:

"Du siehst so ausgetrocknet aus, so abgemagert und deine Hände haben lange keine Arbeit verrichtet. Setze dich an meinen Tisch, wo du zu trinken und zu essen hast. Und dann gehe hinaus und bestelle den Acker!"

Das Kind nahm alles an, was ihm dargebracht wurde und labte sich nach Zeiten der Entbehrung. Doch was immer es trank, aß und arbeitete, nie vergaß es um seine Schätze. Eines Tages kehrte es zurück zu der Tür, die sich jedoch nicht mehr öffnen ließ. So oft das Kind auch wiederkam und trat und rüttelte, die Tür schien fest verschlossen. Doch stets fasste es neuen Mut, blickte zum Himmel und fuhr mit seiner Arbeit auf dem Ackerland fort. Das Kind lernte das Leben und Arbeiten mit der Erde lieben und kehrte stets zu der Frau zurück, die ihm einen reichlich gedeckten Tisch darbot.

Doch eines Abends, fast waren all die Schätze in Vergessenheit geraten, fand das Kind einen Goldklumpen in der Erde. Er glitzerte in der Abendsonne völlig unverhohlen, als wollte er sagen: "Wie kannst du mich vergessen, wie kannst du uns vergessen, deine Schätze?" Voller Freude nahm das Kind das Goldstück in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. Sogleich stieg ein wohlvertrautes Gefühl in ihm auf. Es setzte bereits zur Heimkehr an, da fand das Kind etwas Weiteres aus der Erde hervorblitzen. Ja tatsächlich, hier war noch ein Goldklumpen verborgen, und noch einer, und noch einer. Bis Sonnenuntergang suchte es nach weiteren Bodenschätzen, bis es endlich auch den Kelch, die Kette und das Schwert fand.

Schnell eilte es zurück zu der Tür, die zu seinem Erschrecken weit offen stand. Es war kein gleißendes Licht mehr zu erkennen, kein Glitzern und Blinken. "Wer hat... wieso...?" stammelte das Kind in sich selbst hinein und war vor lauter Staunen leicht benommen.

Noch in der selben Nacht platzierte es den goldenen Kelch auf der einen Seite und die goldene Kette auf der anderen Seite des Tisches, an dem es nach getaner Arbeit zu essen pflegte. Danach nahm es das goldene Schwert und holte weit aus. Schon traf der mächtige Hieb in die Mitte des Tisches, der augenblicklich in zwei Teile zersprang.

Schließlich machte sich das Kind auf in die Welt, nur mit seinem Schwert, wohl in dem Wissen, dass die Saat des rechten Geistes im Schoß der Erde zu Gold aufkeimt.